20 20 – Die 20er Jahre Varieté Revue im Wintergarten Berlin

Spoiler: die künstlerisch bedeutendste Show des Wintergarten Berlin
 
Bevor die dunkelste Zeit der Weltgeschichte über die Welt hereinbrach, gab es mit den Goldenen Zwanzigern eine Zeit der sündigen Freude, des verruchten Jazz und der leicht bekleideten Damen, die genau wie die Männer nur eins wollten: ausgelassen feiern und dabei den Alltag vergessen.
Die Berliner Regisseure Pierre Caesar (Seine Show „Like Berlin“ habe ich im Jahr 2017 im Wintergarten Berlin gesehen.) und Markus Pabst und der talentierte Paradiesvogel Jack Woodhead – beide von mir seit der Show „Der Helle Wahnsinn“ (2014) höchst geschätzt – stellten mit ihrer neuen Show „20 20 – Die 20er Jahre Varieté Revue“ eine schillernde Show im Wintergarten Berlin auf die Beine, in der sie an diese Zeit der Sünde erinnerten.
 
Am Samstag, den 22. Februar 2020, wurde ich ein Teil der Hommage an die Roaring Twenties und der musikalischen und vor allem der geschichtlichen Verbindung zu den heutigen 20-er Jahren. Gleich zu Beginn der Show äußerte Markus Pabst seinen sehnlichsten Wunsch, den er mit vielen im Publikum teilte: „Ich hoffe, dass wir es diesmal [die 20-er Jahre 100 Jahre später] nicht wieder verkacken.“ Es gab einen zustimmenden Applaus vom Publikum – in einer Zeit, in der sich nicht nur wie in Thüringen die Geschichte zu wiederholen scheint.
 
 „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat. …“ (Erich Kästner)
Die Zitate von Kurt Tucholsky und Erich Kästner an diesem Abend und die Parallelen zwischen damals und heute lassen mich zu der Meinung kommen, dass mit „20 20 – Die 20er Jahre Varieté Revue“ dem Wintergarten die künstlerisch bedeutendste Show gelungen ist.
 
Doch die Show „20 20 – Die 20er Jahre Varieté Revue“ steht keineswegs nur für mahnende Worte, sondern transportiert in Form des Burlesque-Tanzes, der erotischen Kontorsion, den authentischen Kostümen der Musiker und Artisten auf der Bühne und der Servicekräfte im Saal und der guten Jazz-Musik in der Show das verboten fröhliche Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger in den Wintergarten Berlin. Und kein anderer kann diese verrückte und frivole Zeit so gut herüberbringen wie der glänzende Paradiesvogel Jack Woodhead, der uns an diesem Abend als Moderater und Sänger begeisterte.
 
Wie in allen bisherigen Shows des Wintergarten Berlin spielte die Musik auch diesmal eine wichtige Rolle. Vor allem in der ersten Showhälfte gab es eine musikalische Zeitreise (u.a.„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ von Marlene Dietrich, „In der Bar zum Krokodil“ von den Comedian Harmonists, „Two Ladys“ aus dem legendären Musical „Cabaret“). In der zweiten Showhälfte bekam der Zuschauer dann moderne Elektromusik zu hören – eine wunderbare musikalische Mischung.
 
Neben Jack Woodhead durfte ich aber auch weitere Sänger an diesem Abend erleben, die in der Show für viele Gänsehautmomente bei mir sorgten: Yamil Borges, die mich mit ihrer sehr starken und gefühlvollen Stimme an den „blauen Engel“ erinnerte und die vielen aus dem Musical-Film „A Chorus Line“ mit Michael Douglas bekannt ist.
Der Sänger Ye Fei steht für das, was eine gute Musik ausmachen sollte: Gefühl und Sprengung aller Grenzen. Dass Markus Pabst ihn, einen chinesischen Opernsänger, in einem Restaurant entdeckt hat, ist ein unglaublicher Glücksfall, für den Wintergarten Berlin und für die Musikwelt. Es war ein magischer und berührender Moment in der Show, als Fei mit seiner kraftvollen Stimme sang und der Tänzer Dennis Mac Dao dazu in einem Schnee aus weißem Konfetti ästhetisch tanzte.
 
Die Band, diesmal nicht im Hintergrund, sondern oben auf der Bühne und damit ein wichtiger Teil der Show, brachte mit den Liedern und dem Jazz den Flair der Zwanziger Jahre in den Wintergarten Berlin. Tobias Tinker (Keyboard, Akkordeon, Horn, Trompete, Band Leader), Felix Buchner (Bass),
Florent Mannant (Tenor Saxophon) und der mir aus den Shows „Der Helle Wahnsinn“ und „Like Berlin“ bekannte Lukas Thielecke (Schlagzeug) sorgten für einen schwungvollen Abend.
 
Ich bin mir sicher, dass viele meiner treuen Blogleser, die den Wintergarten genauso lieben wie ich, beim Lesen meines Berichtes etwas nervös geworden sind und sich aufgeregt fragen: Wo bleiben die Akrobaten, die die Shows im Wintergarten zu etwas Besonderem machen? Ich darf Euch beruhigen, auch diesmal waren die Akrobaten da und wie sie es waren. Vielleicht habe ich das in den Shows zuvor genauso geschrieben, aber die Artisten der Show „20 20 – Die 20er Jahre Varieté Revue“ haben mir oft den Atem geraubt.
 
Katharina Lebedew verinnerlichte bei ihrer Handstandakrobatik die Musik und verzauberte die Zuschauer mit einer vollkommenen Harmonie zwischen Musik und Tanz. Ihre Bewegungen erinnerten auf eine ästhetische Art und Weise an Amphibien. Eine imposante Mischung aus Burlesque und Handstanakrobatik auf der Bühne.
Apropos Burlesque, ich liebe diese Kunstform. Banbury Cross („die kugelsichere Blondine“) – begeisterte mich daher mit ihrer Classic Burlesque, einer nassen Champagner-Nummer und einem erotischen Fächertanz auf ganzer Linie. Nicht nur der Champagner sprudelte, sondern auch die Künstlerin vor erotischer Energie. Ich bin mir sicher, dass die „Neo-Marilyn“ sowohl jedem Mann als auch jeder Frau im Publikum richtig einheizte.
 
Die Frauen waren auch in dieser Show artistisch wieder sehr stark. Das Duo Sienna (Sina Brummer und Vienna Holz) hat mit ihrer kraftvollen, aber dennoch grazilen Performance und Synchronität an der Pole und am Vertikaltuch (Sina) und Luftring (Vienna) bei dem Zuschauer keine Wünsche offen gelassen. In Zusammenarbeit mit Thula Moon (Aerial Hoop) zeigte das Duo ein atemberaubend schönes und gefühlvolles Unterhaltungsprogramm. Zum Weinen schön!
Doris „die älteste noch arbeitende Artistin am Vertikaltuch“ – ist wohlgemerkt im Jahr 1945 geboren und rockt mit ihrer Akrobatik noch immer die Bühne. Meine Hochachtung vor so viel Biegsamkeit in diesem Alter.
 
Biegsam ist auch David Pereira, den ich bereits in „Der Helle Wahnsinn“ bewundern durfte. Mit seinen beiden Showelementen Kontorsion und Hula Hoop beweist dieser Ausnahmeakrobat mal wieder, dass er sich in alle Richtungen bewegen kann.
Chris Myland an den Strapaten war für die großen Gefühle zuständig. In Verbindung mit der Livemusik und dem Licht kamen mir sogar die Tränen bei seiner Performance.
Alessandro Di Sazio überzeugte als sinnlicher Tänzer und als Akrobat am Chinesischen Mast – gemeinsam mit Girma Tsehai. Tsehai kannte ich schon aus der Wiga-Show „Like Berlin“. Auch diesmal begeisterte er alle mit seinem Charme und seiner Hut-Jonglage. Einige Damen im Saal waren bestimmt enttäuscht, dass die Hüte doch nicht heruntergefallen waren.
 
Leider muss ich bei einem der Showprogramme etwas Trauriges schreiben: Die Collins Brothers kamen uns viel zu kurz. Wir hätten sie gerne noch viel länger bzw. häufiger auf der Bühne gesehen. Mit ihrem schwarzen Anarcho-Humor und ihrer naiven und tollpatschigen Art haben sie uns zum Schmunzeln und zum Lachen gebracht. Ein sympathisches und zum Brüllen komisches Duo!
 
Mein Fazit: Die Show „20 20 – Die 20er Jahre Varieté Revue“ ist aufgrund einiger historischer Verweise und Zitate aufrüttelnd, aber auch höchst unterhaltsam und sehenswert! Die Musik ist fetzig, die Stimmen der Sänger sind stark und gefühlvoll und die sehr talentierten Akrobaten sind wie immer eine Augenweide! Diesmal wird die Dosis Sexappeal auf der Bühne sogar etwas erhöht. Das Essen (Meine Vorspeise, die Jakobsmuscheln, habe ich sogar zwei Mal bestellt.) und der Service waren wie immer fabelhaft. Ich kann jedem die Show, die noch bis zum 11. Juni 2020 im Wintergarten Berlin läuft, wärmstens empfehlen. Übrigens gibt es diesmal sogar eine nostalgische Holzklasse in der ersten Reihe. Eine wunderbare Reise in die Goldenen Zwanziger, die einen amüsiert, aber auch aufmerksam für die aktuellen Geschehnisse in der Politik nach Hause gehen lässt.
 
Adresse: Wintergarten Berlin
Potsdamer Straße 96
10785 Berlin
 
Weitere Informationen:
 
Text und Fotos © E. Günther 
erstes Foto (Titelbild) © Wintergarten Berlin

VivID Grand Show– Eine Liebeserklärung an das Leben

Wer bist du? Was ist deine Identität? Bist du eine Mutter, die ihre Kinder aufopferungsvoll liebt? Bist du eine fleißige Arbeitnehmerin, die jeden Tag um 5 Uhr aufsteht und oft das Gefühl hat, sich in einer Art Hamsterrad zu befinden? Bist du eine gehorsame Partnerin, die jeden Abend das Licht für ihren Partner anlässt, obwohl es ihr eigentlich zu grell ist?

Täglich erfüllst du verschiedene Rollen im Leben. Doch wer bist du wirklich? Wer bist du, wenn dich keiner beobachtet? Wann hast du dein Leben so richtig gefeiert?
Mit diesen vielen Fragen befasst sich die neue rekordverdächtige Show des Friedrichstadt-Palastes. Mit zwölf Millionen Euro ist es die teuerste Produktion und am Samstag, den 20. Oktober 2018, wurde ich ein begeisterter Teil davon.
Um ca. 19.30 Uhr entführte uns Andreas Bieber, der sich bereits auf dem The Milestones Project-Konzert in mein Herz gesungen hatte, in das großartigste Spektakel, das ich in den letzten Monaten gesehen habe. Doch nicht nur die Zuschauer wurden entführt, sondern auch die Protagonistin R’Eye, von der Musicaldarstellerin Devi-Ananda Dahm verkörpert, die ich schon in dem Musical „Hairspray“ als Penny Pingleton bezaubernd fand.
In einer roboterähnlichen Welt kann die unschuldige R’Eye nicht nur ihren Vater nicht mehr finden, sondern wird selbst zu einer anonymen Androidin, einer Art Mensch-Maschine. In dieser grauen Binären Welt herrscht Androidonna.
Erst durch einen Guru und durch seine traditionelle türkische Ebru-Malkunst findet die Androidin einen Weg in die magische Parallelwelt, in der sie viele wunderschöne Fantasiegestalten erwarten. R’Eye verliert sich in dieser schönen Welt und schafft es nur so, ihren Vater und sich selbst am Ende wiederzufinden.
Zum ersten Mal in der Friedrichstadt-Palast-Geschichte ist eine Frau als Regisseurin für die Show verantwortlich: Krista Monson aus Las Vegas, wo sie sich 14 Jahre lang beim Cirque du Soleil künstlerisch austoben konnte. Dass eine Frau aus Las Vegas für das neue Showkonzept zuständig ist, erkennt man in jeder Szene, denn nur eine Frau kann eine Dirty Dancing-Szene zu dem Lied „She’s like the wind“ in die Show einbauen. Nur jemand aus Las Vegas kommt auf die Idee, ein großes, glitzerndes und verruchtes Funhouse auf die Bühne zu stellen.
Überhaupt wird mit Hilfe der über 100 Künstler/-innen aus 26 Nationen eine farbenprächtige Fantasiewelt – ein Gegensatz zu der grauen Welt der Fremdbestimmung – auf der Bühne geschaffen, die ich nur ungern am Ende wieder verlassen habe.
Einmal befanden wir uns im Dschungel mit einem überdimensionalem Schmetterling und vielen Dschungelbewohnern, dann staunten wir über große Froschmenschen und schließlich wurden wir in eine Blumenwelt entführt, in der grazile Balletänzerinnen zur Choreografie von Alexandra Georgieva als Blumen um die Wette tanzten.
Die Kostüme des Designers Stefano Canulli und die Hüte des Hutmachers Philip Treacy, der laut The Times der „berühmteste Hutmacher der Welt“ ist, trugen dazu bei, dass sich die Zuschauer in einer Welt voller Magie wiederfanden, in der sie oft nicht wussten, welches Bild sie zuerst mit ihren Augen einfangen sollten. Das Publikum kam die ganze Show über aus dem Staunen gar nicht mehr raus und honorierte dies mit ständigem Szenenapplaus.
Und natürlich die Akrobaten, die Akrobaten waren wieder nicht von dieser Welt. Wer meine Berichte schon häufig gelesen hat, weiß, dass ich Luftakrobatiknummern liebe. Und obwohl ich schon so viel gesehen habe, haben die Sky Angels (Kristina Vorobeva, Rustem Osmanov) mit ihrer Luftakrobatik wieder Neues gezeigt, das mich ins Staunen versetzt hat.
Die Troupe Ayasgalan hat das Publikum mit ihrem Talent, ihren Körper schlangenartig zu verbiegen, verblüfft.
Der artistische Höhepunkt war aber natürlich für jeden im Saal die Navas Troupe aus Ecuador, die auf den zwei gigantischen Todesrädern Unglaubliches vorführte und mit ihren Salti und dem Seilspringen – in großer Höhe und während sich die Todesräder weiter drehten – mir und allen anderen im ausverkaufen Zuschauersaal den Atem raubte.
Die Girlreihe, die im Friedrichstadt-Palast eine lange Tradition hat, durfte natürlich auch diesmal nicht fehlen. Doch diesmal trugen die Tänzerinnen Hüte, die wie Kreissägen ausschauten und zunächst weiß und später in verschiedenen Farben leuchteten.
Für die musikalische Unterhaltung an diesem Abend sorgte neben Andreas Bieber Glacéia Henderson, die mit ihrem Aussehen an die legendäre Grace Jones erinnerte, und das glamouröse Glamour Girl Sarah Manesse. Andreas Bieber mit seinen Enterainerqualitäten, Sarah Manesse mit ihrer facettenreichen Stimme und Glacéia Henderson mit ihrer souligen Stimme passten wundervoll in das schillernde Gesamtkonzept der Show.
Mein Fazit: Ich kann The Times nur zustimmen, die neue Show in Berlin ist ein Must-See. Sie ist ein farbenfrohes Erlebnis der Superlative, in der uns Fantasiegestalten Folgendes lehren: Das Leben ist schön und manchmal müssen wir uns erst verlieren, um unsere wahre Identität zu finden. „Life is waiting for you“, die neue Show im Friedrichstadt-Palast auch.
Weitere Informationen zur Show:
© E. Günther