Willkommen bei den Hartmanns – die beste Filmadaption auf einer deutschen Theaterbühne

„Willkommen bei den Hartmanns“ von Simon Verhoeven war im Jahr 2016 mit über 4 Millionen Zuschauern der erfolgreichste deutsche Film des Jahres.
Die Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater hat sich zum Ziel gemacht, dieses noch immer aktuelle Thema auf die Bühne eines deutschen Theaters zu bringen – und zwar in der Fassung von John von Düffel und nach der Regie von Martin Woelffer.
Am Dienstag, den 2. Oktober 2018, durfte ich mich selbst davon überzeugen, ob diese Filmadaption für das Theater gelungen ist.

Doch wovon handelt die Geschichte „Willkommen bei den Hartmanns“?
Angelika und Richard Hartmann verdienen beide gut, sie als Lehrerin und Direktorin einer Schule, er als Chirurg. Beide leben in einem großen Haus und haben zwei gesunde Kinder. Doch trotzdem ist das Ehepaar unglücklich.
Richard kann das Älterwerden nicht mit Würde tragen, Angelika fühlt sich in der großen Villa einsam. Auch die beiden Kinder haben viele Probleme.
Angelika braucht eine neue Aufgabe und holt sich deswegen den nigerianischen Flüchtling Diallo ins Haus, sehr zum Missfallen ihrer Männer in der Familie und der wohlsituierten Nachbarschaft.
Doch Diallo bringt nicht nur den alltäglichen Rassismus ans Tageslicht, sondern kratzt auch an der Oberfläche der heilen Familie Hartmann.

Der legendäre Rufus Beck (u.a. „Der bewegte Mann“) spielt auf eine sehr authentische Art und Weise Richard Hartmann, Ehemann, Vater und Chirurg. Richard Hartmann kann und will das Älterwerden nicht akzeptieren und versucht mit allen möglichen Mitteln (junge Kleidung, Botox, moderne Musik) den natürlichen Prozess aufzuhalten. Dadurch wirkt er an vielen Stellen komisch. Zudem vernachlässigt er durch sein Verhalten seine Ehefrau und seine Kinder. Angelikas Entscheidung, einen Flüchtling in die Familie aufzunehmen, akzeptiert er nur zähneknirschend.

Angelika Hartmann wird von der bekannten Schauspielerin Gesine Cukrowski sehr glaubhaft verkörpert. Die Frau im Haus fühlt sich einsam und unterfordert. Ihre Einsamkeit versucht sie durch Wein, ihren ständigen Begleiter, zu vergessen. Mit dem nigerianischen Flüchtling Diallo hat sie endlich ein neues Lebensziel im Leben und blüht auf, denn nun ist immer jemand im Haus, den sie in Deutsch unterrichten kann, auch am Wochenende.

Genauso wie die wohlhabenden Eltern haben auch die Kinder viele Probleme. Der spießige Sohn Philip (sehr überzeugend von Jonathan Beck dargestellt) lässt sich gerade von seiner Frau scheiden und erstickt in Arbeit. Er will auf der Karriereleiter hoch hinaus, am liebsten in Shanghai. Doch sein beruflicher Eifer lässt ihn die Probleme seines Sohnes nicht erkennen. Genauso wie Richard Hartmann ist auch Philip gegen Diallos Einzug.

Pia-Micaela Barucki geht in ihrer Rolle als der überforderten Tochter Sophie auf. Sie ist die typische ewige Studentin, die nicht genau weiß, was sie im Leben erreichen will und lieber feiern geht, statt sich auf eine wichtige Prüfung vorzubereiten. Im Laufe der Geschichte wird dem Zuschauer klar, dass sie sich von dem erfolgsverwöhnten Vater unter Druck gesetzt fühlt und zudem immer die falschen Männer anzieht. Sophie unterstützt ihre Mutter in ihrem Vorhaben, einen Flüchtling aufzunehmen.

Nun habe ich so viel von der Figur Diallo gesprochen, ohne wirklich sich mit dieser auseinanderzusetzen. Der amerikanische Schauspieler Quatis Tarkington spielt einfach großartig den Nigerianer Diallo und bekommt zurecht den meisten Applaus an dem Abend.
Diallo gibt zwar vor, immer der lustige und coole Mitmensch zu sein, der nur wegen seiner Liebe zu Manuel Neuer nach Deutschland gekommen zu sein scheint. Doch guckt man hinter die Fassade, dann erkennt man einen traurigen und gebrochenen Mann, dessen ganze Familie von Boko Haram in Nigeria bestialisch ermordet wurde. Nur sein kleiner Bruder ist ihm noch geblieben und so muss er oft an das Schicksal den kleinen Bruders, der in Nigeria zurückbleiben musste, denken.
Diallo gelingt es, mit seinem Charme und seinem handwerklichen Geschick, die Herzen der ganzen Familie zu gewinnen und Sophies und Tareks Leben positiv zu beeinflussen.

Tareks Rolle wird sehr glaubhaft von Mike Adler ausgefüllt. Mike Adler spielt den Assistenzarzt Tarek, der mit Richard Hartmann zusammenarbeitet, sich in der Laufgruppe der Flüchtlinge einbringt und Sophie von früher kennt. Da Tareks Vater vor 40 Jahren selbst ein nigerianischer Flüchtling war, fühlt er mit den Flüchtlingen.

Für sehr viele Lacher an dem gestrigen Abend sorgte die in ihrer Rolle der Hippiefrau Heike mit roten Dreadlocks sehr überzeugend agierenden Marion Kracht. Heike ist eine frühere Kollegin von Angelika und arbeitet jetzt in einem Flüchtlingsheim. Sie will die Welt verbessern, indem sie alle Flüchtlinge integrieren und auf Autos verzichten will. Dabei schießt sie oft über das Ziel hinaus. Ihre Vorliebe für halluzinogene Pilze bringt den ohnehin schon zerbrechlichen Familienfrieden der Hartmanns vollständig ins Wanken.

Das zentrale Thema des Theaterstücks „Willkommen bei den Hartmanns“ ist noch immer aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und die Reaktion der zwei unterschiedlichen Seiten auf die aktuelle Entwicklung. Auf der einen Seite stehen Menschen, die bei der Integration der Flüchtlinge aktiv helfen möchten, auf der anderen Seite werden immer mehr Menschen blind in ihrem Hass gegenüber den Andersaussehenden und lehnen diese kategorisch ab. Genauso wie in Deutschland verändert sich auch auf der Bühne die Stimmung immer dramatischer. Ablehnenden Worten folgen bald fliegende Steine.
Auch alltägliche Vorurteile werden auf der Bühne thematisiert. Natürlich kann ein Schwarzer nur ein Drogen dealender Zuhälter sein.

Doch Diallos Figur zeigt in einer traurigen Szene den wirklichen Grund für die Flucht von Syrern, Afghanen, Nigerianern und anderen Flüchtlingen: Zuhause können sie nicht mehr sicher leben. Ihre Familien wurden von Terrororganisationen wie Boko Haram ermordet.

Trotz der Schwere dieses Themas und anderen gesellschaftskritischen Themen – der lächerhafte Kampf gegen das Älterwerden, Familienprobleme, Burnout, Alkohol- und Drogenkonsum – habe ich gestern, genauso wie das übrige Publikum, den ganzen Abend gelacht. Das Theaterstück liefert sehr viele Gags und eine lustige Szene folgt der nächsten. Fürs Durchschnaufen bleibt da keine Zeit.
Unvergesslich bleiben die Szenen, in denen die Hartmanns glauben, sich einen Flüchtling wie ein Tier im Tierheim aussuchen zu können und daraufhin ein Casting unter den Flüchtlingen veranstalten. Oder der Moment, wenn Diallo das Vogelhaus in eine Moschee für Vögel verwandelt – unbezahlbar. Die Zuschauer honorierten jede Szene mit einem herzhaften Gelächter.

Mein Fazit: Das Theaterstück „Willkommen bei den Hartmanns“ berührt den Zuschauer mit der Geschichte jeder einzelnen Figur auf der Bühne. Dies wird durch den hervorragend zusammengestellten Cast möglich, für den die einzelnen Rollen geschrieben worden zu sein scheinen. Das Theaterstück ist eine sehr gelungene Filmadaption mit einem eindrucksvollen Bühnenbild (Bühne & Kostüm: Stephan Fernau), das uns das Leben in einer Zehlendorfer Villa (Film: in einer Münchener Villa) und die dortigen Probleme näher bringt.
Der Zuschauer sollte sich darauf einstellen, dass zwei Stunden lang seine Bauchmuskeln in Anspruch genommen werden, da das Theaterstück einen mit sehr vielen lustigen Szenen verwöhnt. Kurz: Man muss das Theaterstück einmal besucht haben, auch wenn man den Film nicht kennt.

Bis zum 28. Oktober 2018 läuft noch „Willkommen bei den Hartmanns“ in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater und wird vom 26.2.2019 bis zum 10.3.2019 wieder ins Programm aufgenommen.

Weitere Informationen:
https://www.komoedie-berlin.de/produktionen/willkommen-bei-den-hartmanns.html
https://www.facebook.com/komoedieamkurfuerstendammimschillertheater/

© E. Günther