„Charlys Tante“ im Schlosspark Theater Berlin – das aktuell lustigste Theaterstück in Berlin

„Nichts in der Welt wirkt so ansteckend wie Lachen und gute Laune.“ (Charles Dickens)
Und dies könnt Ihr in dem im Moment für mich lustigsten Theaterstück auf Berlins Theaterbühnen erleben: „Charlys Tante“ im Schlosspark Theater.

Die im Jahr 1892 erschienene Travestiekomödie „Charleys Tante“ (Originaltitel „Charley’s Aunt“) vom britischen Autor Brandon Thomas wurde in mehr als 100 Sprachen übersetzt und weltweit aufgeführt. René Heinersdorff, dessen Regiearbeit ich zuletzt im Jahr 2016 beim Theaterstück „Honig im Kopf“ im Schlosspark Theater bewundern durfte, bringt dieses schon Anfang des 20. Jahrhunderts viel gespielte Bühnenstück in Deutschland auf die Bühne des Schlosspark Theaters.

Die Interpretation von René Heinersdorff handelt von den Freunden Charly und Jack, die sich in die beiden türkischen Schwestern Sema und Aishe verlieben. Doch die beiden Schwestern haben einen sehr strengen Vater: den türkischen Geschäftsmann Spittigül, der sich um die Ehre seiner Töchter sorgt. Um sich mit Aishe und Sema ungestört treffen zu können, brauchen die beiden Freunde eine Anstandsdame. Da kommt der angekündigte Besuch von Charlys reicher Tante aus Brasilien wie gerufen. Doch leider verzögert sich der Besuch und es muss eine neue Tante her. Wie gut, dass die beiden diesen Ersatz in dem Hausmeister Babbs finden. Das chaotische Verwirrspiel kann beginnen.

Nicht nur die beiden Freunde finden in dem Hausmeister Babbs die perfekte Besetzung für die Täuschung ihres zukünftigen Schwiegervaters Spittigül. Auch dem Schlosspark Theater gelingt mit dem im deutschen Sprachraum sehr bekannten Schauspieler Markus Majowski ein unvergleichlicher Coup. Die Rollen des Hausmeisters Babbs und der falschen Tante aus Brasilien sind Majowski wie auf den Leib geschnitten worden. Herrlich, wie Babbs als die falsche Tante Männerherzen erobert und in jeder Szene versucht, seine immer wieder aufkommende Männlichkeit zu verstecken. Lacher am laufenden Band sind garantiert, was der grandiosen Darstellung des Markus Majowski zu verdanken ist.

Der bereits auf den Theaterbühnen erfahrene Daniel Wobetzky schlüpft in die Rolle des Charly, der die Schönheit Aishe feurig liebt. Genauso wie sein Freund Jack nutzt er auch gerne das Gewächshaus im Zoo und belohnt den Hausmeister mit falschen Zigarren. Er hat große Angst vor dem türkischen Vater seiner Auserwählten und freut sich daher sehr auf den Besuch seiner Tante aus Brasilien.
Ich freue mich schon darauf, den in seiner Rolle überzeugend agierenden Daniel Wobetzky in weiteren Theaterstücken erleben zu dürfen.

Johannes Hallervorden durfte ich schon zwei Mal auf der Bühne des Schlosspark Theaters sehen: in den Theaterstücken „Was zählt, ist die Familie!“ und „Ein gewisser Charles Spencer Chaplin“. Und auch die Rolle des von seinem Vater verwöhnten Jack Chesney, der die Worte „Arbeit“ und „Schulden“ nicht kennt, interpretiert Hallervorden wieder hervorragend. Genauso wie sein Freund Charly liebt er eine Türkin (Sema) und hat Angst vor ihrem leidenschaftlichen Vater. Unvergessen bleibt hier der Tanz von Hallervorden und Wobetzky zum Lied „Kiss kiss“ des türkischen Sängers Tarkan.

Gibt es den typischen Türken? Nein, genauso wenig wie den typischen Deutschen. Allerdings gibt es ein Bild, das andere Nationen von einem Türken haben: temperamentvoll, liebt seine Familie über alles, verteidigt die Ehre seiner Familie bis aufs Blut und betreibt einen Späti (Abkürzung für eine Spätverkaufsstelle). Und genau diesem Bild entspricht Herr Mustafa Spittigül, der Vater von Aishe und Sema. Der Witwer und Geschäftsmann von „Import, Export, Elektrowaren“ vergöttert seine beiden Töchter und sorgt sich sehr um ihre Ehre („Mein Herz blütet.“). Die Hände des eifrigen Geschäftsmannes können sowohl Gutes vollbringen als auch das Leben von aufdringlichen Verehrern seiner Töchter „auspüsteln“.
Aykut Kayacik, den ich bereits aus der Operette „Frau Luna“ kannte, spielt diesen liebenden und cholerischen Vater und Geschäftsmann. Nein, er spielt nicht bloß diese Rolle, er lebt sie. Und zwar so überzeugend, dass ich oft vergaß, dass es sich dabei nur um eine fiktive Rolle handelt – so überzeugend war Aykut Kayacik. Zurecht gab es dafür einen frenetischen Applaus.

Oliver Nitsche, den ich schon in den Theaterstücken „Der Stellvertreter“ und „Ein gewisser Charles Spencer Chaplin“ im Schlosspark Theater gesehen hatte, verkörpert auch die Rolle von Jacks Vater und Colonel Francis sehr glaubhaft. Jacks Vater hat seinen Sohn zu sehr verwöhnt und braucht jetzt eine reiche Frau, die die Familienschulden tilgen kann. Eine Hochzeit mit der reichen Tante scheint hier die Lösung zu sein. Schade, dass sie nun gar nicht seinen Vorstellungen von einer hübschen Frau entspricht. Der Zuschauer fand es sehr komisch zu sehen, wie sich das Pokerface des Colonel Francis immer beim Anblick der Tante verändert hat. Zum Glück kommt bald die echte Tante aus Brasilien und erlöst Jacks Vater von seinem Leiden.

Die Figur der echten Tante Lucia aus Brasilien wird authentisch von der im deutschen Fernsehen sehr bekannten Claudia Neidig dargestellt. Donna Lucia ist das komplette Gegenteil der falschen Tante. Sie ist elegant, eloquent und weiß sich zu benehmen.

Auch die anderen drei Frauenrollen wurden sehr gut vom Schlosspark Theater besetzt: Aishe Spittigül (Kim Zarah Langner) und Sema Spittigül (Alice Zikeli) lieben verbotenerweise nicht die Männer, die ihr Vater für sie ausgesucht hat. Die leidenschaftlichen Schwestern halten aber bis zum Schluss zusammen. Auch Katharina Hadem ist in ihrer Rolle der Ella, der Adoptivtochter von Tante Lucia, die gerne eine Französin wäre und früher sehr innig einen Zoo-Angestellten geliebt hat, für das Theaterstück sehr gewinnend.

Thomas Pekny sorgt für ein sehr gelungenes Bühnenbild in dem Theaterstück. Das auf die Bühne gestellte gläserne Gewächshaus mit dem Kreischen der Affen und der Zwitschern der Vögel unterstreicht die wilde Atmosphäre von „Charlys Tante“.

Mein Fazit: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich mit Tränen in den Augen bei einem Theaterstück so viel gelacht habe. Als Zuschauer hat man keine Zeit zum Durchschnaufen und kommt aus dem Lachen nicht mehr raus – und das zwei Stunden lang nicht. Eine geniale Umsetzung der literarischen Vorlage mit einem bis in die kleinste Rolle fabelhaft besetzten Cast! Das Publikum hat zurecht am Ende begeistert applaudiert und wollte die Darsteller nicht mehr weggehen lassen. Nur noch bis zum 29. August 2019 könnt Ihr das für mich im Moment lustigste Theaterstück in Berlin im Schlosspark Theater sehen.

Weitere Informationen:
https://www.schlossparktheater.de/produktionen/charlys-tante.html
https://www.facebook.com/Schlosspark-Theater-Berlin-Offizielle-Seite-332467151990/

Text © E. Günther
Fotos © DERDEHMEL/Urbschat
Titelbild © ConceptZone.de

 

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„Was zählt, ist die Familie!“ im Schlosspark Theater – Familie, Pflichtgefühl und Essen

Als Tochter ukrainischer Eltern habe ich früh gelernt, dass das Wichtigste auf der Welt die Familie ist. Am Anfang sieht man nur die zahlreichen Geburtstage, an die man (ohne Facebook) denken muss und ist von den ständigen Erzählungen aus der Vergangenheit und den Ratschlägen während einer leichten Erkältung genervt. Doch je älter man wird, desto mehr weiß man diesen wertvollsten Schatz auf der Welt zu schätzen und erkennt, dass die Familie das einzige Sicherungsnetz im Leben darstellt.
 
Als ich erfahren habe, dass die Komödie „Was zählt, ist die Familie!“ von Joe DiPietro (deutsch von Nick Walsh) unter der Regie von Anatol Preissler ins Programm des Schlosspark Theaters aufgenommen wurde, versprach ich mir am Freitag, den 28. Dezember 2018, nicht nur gut unterhalten zu werden, sondern auch Parallelen zum eigenen Leben in dem Mehrgenerationenstück, das seit 20 Jahren die Zuschauer begeistert, zu entdecken. Und ich sollte in allen Punkten Recht behalten.
 
Das Theaterstück „Was zählt, ist die Familie!“ handelt von dem 24-jährigen Nick, der von seinen zwei italo-amerikanischen Großelternpaaren vergöttert und verwöhnt wird. Diese Liebe und das ständige Essen können aber manchmal auch sehr anstrengend sein. Doch schließlich wird Nick befördert und muss seine Großeltern verlassen, um in Seattle sich beruflich und privat verwirklichen zu können. Die Großeltern wollen natürlich diesen drohenden Verlust nicht akzeptieren und beschließen, ihren Enkel mit der hübschen Caitlin zu verkuppeln…
 
Der Enkel Nick wird großartig von Johannes Hallervorden dargestellt. Nick besucht seine Großeltern zwar jeden Sonntag und überhäuft sie mit wertvollen Geschenken, doch ist er nie mit seiner ganzen Seele bei ihnen. Seine lauten Großeltern, die kein Verständnis für sein modernes Leben (Single mit Mitte 20 und wie die meisten seines Alters in den USA in Therapie) haben, sind ihm gar oft peinlich.
Hin-und hergerissen zwischen seiner Liebe und seinem Pflichtgefühl gegenüber seinen Großeltern auf der einen Seite und dem Verlangen, sich endlich selbst zu finden, auf der anderen Seite, erleidet Nick eine Panikattacke und wird ausgerechnet von seiner Großmutter wieder gesund gepflegt.
Anfänglich oft von der aufopferungsvollen Liebe erdrückt, erkennt er am Ende, dass unabhängig vom Wohnort seine Wurzeln immer bei seiner Familie liegen werden.
 
Anita Kupsch in ihrer Rolle der liebenden Großmutter Aida Gianelle spielt sich mit ihrer sympathischen Art sofort in die Herzen der Zuschauer. Sie verkörpert eine typisch italienische Großmutter, die am liebsten stündlich ihre Gäste und vor allem Nick mit Essen vollstopfen würde, schließlich sieht doch jeder so furchtbar hungrig aus. Dass ihr Lieblingsenkel nun die Familie aus beruflichen Gründen verlassen will, kann und will sie einfach nicht akzeptieren.
 
Ihr Ehemann Frank Gianelle – auf eine sehr authentische Art und Weise von Herman van Ulzen dargestellt – unterstützt sie zum Glück in ihrem Kampf um Nick. Doch leider hört er so gar nicht beim Thema „Auto fahren“ auf seine Frau und ist wegen seines hohen Alters in häufige Auffahrunfälle verwickelt.
 
Dagmar Biener geht in ihrer Rolle der Emma, der Großmutter väterlicherseits, die immer den Rat des Pfarrers einholt und zu jeder Gelegenheit für ihren Enkel Nick Messen lesen lässt, auf. Von ihr kommt auch die Idee, Nick mit Caitlin zu verkuppeln. Zwar wirkt sie in ihrem Umgang mit ihrem Ehemann auf den ersten Blick dominant, doch merkt das Publikum am Ende, wie unendlich sie ihren Mann geliebt hat.
Der Schauspieler Holger Petzold repräsentiert sehr glaubhaft mit seiner Rolle des Nunzio, Emmas Ehemann, die Probleme, mit der sich die ältere Generation herumschlagen muss: den Umgang mit neuen Geräten wie dem DVD-Recorder. Genauso wie die anderen älteren Herrschaften kann er nichts mit den neuen Entwicklungen in dem Leben der jungen Leute anfangen und versteht daher auch nicht, warum Caitlin (Katharina Maria Abt) eine Vegetarierin ist.
 
Die Mehrgenerationenkomödie brachte mich in der ersten Hälfte permanent zum Lachen. Oft musste ich mir Tränen vor Lachen wegwischen. Ich erkannte so viele Parallelen zwischen der Handlung auf der Bühne und meinem eigenen Leben. Auch wir unterhalten uns sehr lebhaft beim Essen und mischen uns in das Leben des anderen ein. Meine Großmutter hält mich auch dauernd für hungrig und sieht gerne zu, wie ich esse.
 
Doch in der zweiten Hälfte des Theaterstückes wurden aus den Tränen vor Lachen Tränen der Erkenntnis und Tränen der Traurigkeit, denn man bekam aufgezeigt, dass unsere Lieben nicht ewig leben und wir jede Minute mit ihnen genießen sollten. Rückblickend verstand man viel besser seine Familienangehörigen, die sich ein besseres Leben für einen gewünscht und oft nur deswegen auf buntes Spielzeug verzichtet haben, weil sie es sich finanziell nicht leisten konnten.
 
Mein Fazit: Die Komödie „Was zählt, ist die Familie!“ ist ein sehr amüsantes Theaterstück und die Darsteller wurden hervorragend ausgesucht. Jeder findet in dem Theaterstück eine Figur, mit der er sich identifizieren kann oder die einen an jemanden aus seiner Familie erinnert. Und am Ende lernt man eine wichtige Lektion: Nutzt die Zeit, die Ihr mit Euren Lieben habt, bevor die Zeit Euch Eure Lieben nimmt. Unbedingt gucken, bis Ende März 2019 im Schlosspark Theater.
 
Die genauen Termine und alles Weitere findet Ihr hier:
 
Text © E. Günther
Fotos © DERDEHMEL/Urbschat