The Band – Back for Good im Stage Theater des Westens

1990 war ein Jahr, das in zahlreichen Frauenherzen für immer etwas verändert hat. 1990 war ein Jahr, das ein Feuer entfachte, das noch heute in den Herzen der weiblichen Fans brennt. 1990 war das Jahr, in dem eine der erfolgreichste Boybands geboren wurde: Take That. Robbie Williams, Mark Owen, Gary Barlow, Howard Donald und Jason Orange – fünf Gründe für viele schlaflose Nächte bei vielen Mädchen, deren Herz von der Band gleich zweimal gebrochen wurde. Im Jahr 1995 stieg Robbie Williams aus und ein Jahr später kam es sogar zur Trennung.
2005 gab es aber eine Reunion und Mark Owen, Gary Barlow und Howard Donald begeistern seitdem Mädchen und Frauen zugleich.
 
Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis die Musik von Take That in einem Musical verewigt wird. Im September 2017 wurde das Musical „The Band“ des britischen Dramaturgen Tim Firth uraufgeführt. Das zur Musik der Band Take That geschriebene Musical begeisterte unzählige Fans auf der Insel und kam im Jahr 2019 endlich auch nach Berlin, in das Stage Theater des Westens.
Am Samstag, den 18. Mai 2019, nahm ich meine Kollegin, den größten Take That-Fan aller Zeiten, ins Musical mit und wir versprachen uns zwei unvergessliche Stunden.
 
Und gleich im Zuschauersaal wurden wir in das Jahr 1993 gebeamt. Ein Videotext (Gibt es so etwas überhaupt noch?) erinnerte daran, was im Jahr 1993 alles passierte: Der Film „Jurassic Park“ lief im Kino, Bill Clinton wurde als US-Präsident vereidigt und in der TOP 40 der Charts war „Pray“ von Take That die neue Nummer 1.
 
Doch in dem Musical „The Band“ geht es nicht um die musikalische und persönliche Entwicklung der Boyband Take That. In dem Musical wird zur Musik der britischen Boyband eine andere Geschichte erzählt:
eine Geschichte von fünf Freundinnen in den 90-iger Jahren, die durch ihre Freundschaft und ihre Liebe zu ihrer Boyband miteinander verbunden sind. Ihre Liebe zur Musik scheint zunächst auch das Einzige zu sein, das diese auf den ersten Blick so unterschiedlichen Charaktere miteinander gemeinsam haben.
 
Debbie ist die optimistische Wortführerin und Organisatorin der fünf Mädchen. Claire ist eine zielstrebige Sportlerin, die mit Turmspringen die Olympischen Spiele gewinnen möchte. Zoe ist die fleißige Streberin, die sich von ihren Büchern mehr verstanden fühlt als von Gleichaltrigen. Heather hat bis jetzt keine Feier und keinen Jungen ausgelassen, eine berühmte Modedesignerin möchte sie werden. Und Rachel möchte einfach nur den richtigen Mann heiraten und eine Familie gründen, dabei soll ihre beste Freundin Debbie ihre Trauzeugin werden.
 
Doch ein schrecklicher Unfall zerstört die Träume der Mädchen und reißt sie auseinander. Nach 25 Jahren treffen die Mädchen, die jetzt erwachsene Frauen mit anderen Problemen geworden sind, wieder aufeinander. Rachel hat nämlich wie früher Debbie an einem Gewinnspiel teilgenommen und Karten für ein Konzert der Boyband ihrer Jugend gewonnen
Gelingt es den fünf, den schrecklichen Unfall vor 25 Jahren aufzuarbeiten und wieder zueinander und zu sich selbst zu finden?
 
Das Musical berührt nicht nur das Herz jedes Take That-Fans, sondern auch das jeder Frau. Wir sehen, wie das Leben, von dem man als Teenager geträumt hat, zerbricht und man als erwachsene Frau viele seiner Träume begraben muss.
Aus den fünf jungen Freundinnen (Maria Arnold als junge Rachel, Ruth Lauer als Debbie, Jara Maria Buczynski als junge Heather, Kristin Heil als junge Claire und Laura Saleh als junge Zoe) sind nun erwachsene Frauen geworden, deren Realität nichts mehr mit ihren Wünschen von einst zu tun hat.
 
Rachel (Silke Geertz) lebt zwar in einer langen Beziehung, doch scheint sie nicht glücklich zu sein. Den Unfall vor 25 Jahren hat sie bis heute nicht verarbeitet und kann deswegen nicht heiraten. Der Unfall hat ein Loch in ihr Herz gebrannt und sie erhofft sich, durch das Treffen mit ihren Schulfreundinnen dieses Loch wieder füllen zu können. Ihr verändertes Verhalten – die Teilnahme an einem Gewinnspiel, die spontane Reise zu einem Konzert in Prag – macht jedoch ihrem langjährigen Partner eine große Angst.
Als Zuschauer nimmt man der Darstellerin ihre inneren Qualen und ihre Zerrissenheit zwischen dem aktuellen und dem früheren Leben ab und kann sich mit ihr sehr gut identifizieren.
 
Auch die Streberin Zoe hat sich verändert. Sie ist nicht nur eine Wissenschaftlerin, sondern auch verheiratet und hat vier Söhne. Doch da ihre Söhne längst studieren, fühlt sie eine innere Leere und weiß nichts mit sich anzufangen. Zoe wird glaubhaft von der Schauspielerin Heike Kloss verkörpert.
Heike Kloss wurde in der RTL-Comedy-Serie „Alles Atze“ als Biene an der Seite von Atze Schröder bekannt. Zudem stand sie in verschiedenen Musicals wie „Cats“ in Hamburg, „Grease“ in Berlin und „Chicago“ in München auf der Bühne.
 
Für eine der größten Überraschungen unter den Freundinnen sorgt Heather. Aus dem Vamp Heather, der jeden Jungen verführte, wurde die Karrierefrau Heather, die mit einer Frau verheiratet ist. Laura Leyh, auch bekannt als Eliza in „My Fair Lady“, macht aus der Figur eine richtige Sympathieträgerin im Erwachsenenalter.
 
Die zweite große Überraschung hält Claire bereit. Aus der zierlichen und nach einer Goldmedaille strebenden Claire wird eine füllige Claire, die nicht nur ihren Traum von der Olympiade, sondern auch sich selbst aufgegeben hat. Grandios von Yvonne Köstler gespielt, die vielen aus den Musicals „Fame“, „Sister Act“ und „Tanz der Vampire“ bekannt ist.
 
Eine wunderschöne und an vielen Stellen herzzerreißende Geschichte über Freundschaft, die nach Jahren wieder aufblüht, und über Träume, die mit der Zeit zerplatzen und neu erfunden werden müssen. Die Frauen im Zuschauersaal, darunter auch meine Begleitung und ich, haben an vielen Stellen schluchzen müssen, denn man findet in dem Musical mindestens eine Figur, mit der man sich identifizieren kann und man muss automatisch die Träume seiner Jugend mit seinem aktuellen Leben vergleichen.
 
Neben der emotionalen Geschichte spielt selbstverständlich auch die Musik von Take That eine wichtige Rolle in dem Musical. Zum Glück werden die beliebten Take That-Lieder im englischen Original gesungen. Von „Never Forget“ bis „Back for Good“ kommen alle bekannten Lieder vor.
Obwohl das Logo der Musical-Band mit den beiden umgekehrten, aufeinander gestapelten Ts auf der Bühne auf die Band Take That verweist, hat die Band in dem Musical keinen Namen. Dadurch wird der Geschichte der fünf Freundinnen mehr Platz eingeräumt.
 
Auch die Band in dem Musical besteht aus fünf talentierten und charismatischen jungen Männern: Der Bekannteste unter ihnen ist sicherlich Prince Damien, der im Jahr 2016 die Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ gewonnen hat und aktuell als Vocalcoach bei DSDS arbeitet.
Auch Sario Solomon kennt man aus einer Castingshow. Sario Solomon gewann 2017 die TV-Talent-Show „Let It Shine“ von Gary Barlow.
Den dritten Sänger, Helge Mark Lodder, habe ich bereits im Kinder-Musical „Die Schneekönigin“ im Wintergarten Berlin live erleben dürfen. Taddeo Pellegrini kennen viele aus den Musicals „Aladdin“ und „West Side Story“. Der fünfte in der Band ist Alex Charles, von dem ich hoffe, noch mehr zu sehen.
 
Zusammen mit der sechsköpfigen Live-Band unter der Leitung von Shay Cohen lassen die fünf oben genannten Sänger die Zuschauerinnen im Saal wieder zu rot werdenden Teenagern werden, die bei jedem Lied begeistert mitsingen und ihre Textsicherheit demonstrieren. Die Songs werden von den fünf sehr gut live dargeboten, obwohl es die Geschichte verlangt, dass sie eher im Hintergrund agieren. Sie kommen aus dem Mobiliar im Jungmädchenschlafzimmer oder dem Schulspind. Auch als Brunnenfiguren oder als Flughafenpersonal treten sie auf und zeigen, dass sie noch immer ein fester Bestandteil im Leben der vier Frauen geblieben sind. Doch im Gegensatz zu den Frauen sind die Mitglieder der Boyband nicht älter geworden.
 
Mein Fazit: Das Musical „The Band“ hat mein Herz berührt. Die Geschichte und deren Figuren, die wunderbar besetzt wurden, lässt mich daran erinnern, wie vergänglich das Leben ist und wie wichtig loyale und gute Freundinnen sind. Wir müssen an ihnen festhalten und dürfen es nicht zulassen, dass der Alltag sie aus unserem Leben reißt. „The Band“ hat aber an dem Abend auch sehr viele Take That-Fans glücklich gemacht, denn alle Evergreens kommen vor – ohne dass die Musicaldarsteller die Band Take That kopieren möchten. Ein sehr schönes Musical, das noch bis zum 15. September 2019 im Stage Theater des Westens spielt und im Oktober 2019 ans Deutsche Theater in München wechselt.
 
Weitere Informationen zum Musical:
 
Text © E. Günther
Fotos © Stage Entertainment
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