WUNSCHKINDER im Renaissance-Theater – Ist es heutzutage verboten, jung und unbeschwert zu sein?

Warum dürfen heutzutage Kinder nicht einfach Kinder sein? Kann denn ein Kind nicht einfach verspielt und albern sein? Nein, stattdessen bekommen die Kinder von heute Tabletten, um sie ruhig zu stellen und das nur weil sie sich ihrem Alter entsprechend verhalten. Muss ein 19-Jähriger nach dem Abitur sofort wissen, was er später machen möchte? Ja, in der heutigen Gesellschaft, die nur auf sichtbaren Erfolg ausgerichtet ist, wird es erwartet.

Das alles sind Fragen, die ich mir als Pädagogin sehr oft stellen muss. Aus diesem Grund habe ich mich sehr gefreut, dass das Renaissance-Theater „Wunschkinder“, eines der bekanntesten Texte von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, deren Werke mehrfach ausgezeichnet wurden und zu den meistgespielten Texten der Gegenwart auf deutschen Bühnen gehören, ins Programm aufgenommen hat.
 
Am Samstag, den 4. Februar 2017, haben wir schließlich das an diesem Abend fast bis auf den letzten Platz ausverkaufte Theaterstück unter der Regie von Torsten Fischer und des Regieassistenten Joachim Flicker besucht und waren ganz gespannt, zu erfahren, ob die vielen positiven Kritiken im Vorfeld berechtigt waren.
 
Die „Wunschkinder“ handeln von Marc, der nach seinem Abitur vor vier Monaten sich hat hängen lassen. Er ist nur am Kiffen, Schlafen und am Feiern, sonst hat sein Leben keinen weiteren Sinn mehr. Seine Eltern Gerd und Bettine sind natürlich deswegen verzweifelt. Eines Tages ändert sich jedoch alles zum Guten, da Marc eine neue Freundin hat: Selma. Doch dann kommt Marc eines Abends völlig verstört nach Hause zu seinen Eltern …
 
Simone Thomalla war für mich die positive Überraschung an diesem Abend. Ich wusste nicht, welches schauspielerische Talent sich in ihr verbirgt. In ihrer Rolle der liebenden und fürsorglichen Mutter Bettine, die für ihren Sohn alles aufgegeben hat und immer für ihn da ist, geht sie förmlich auf. Egal, ob beim schnellen Tanzen, dem guten Zureden oder beim Ausrasten, in allen Szenen machte sie im doppelten Sinne eine gute Figur.
 
Bettines Ehemann, Gerd, ist leitender und gut verdienender Ingenieur, der von dem Schauspieler Christian Schreiber gespielt wird. Im Gegensatz zur Mutter Bettine ist er ungeduldiger und erwartet mehr von seinem Sohn, seiner „Investition“. Schließlich hat er für die Erziehung und Schulbildung seines Sohnes viel bezahlt. Die Rolle des strengen, aber doch liebenden Vater nahm der Zuschauer Christian Schreiber ab und honorierte diese Leistung mit einem entsprechenden Applaus am Ende.
 
Am meisten als Schauspielerin hat uns an diesem Abend Judith Rosmair überzeugt, die Selmas Mutter, Heidrun, verkörpert. Sie ist eine besorgte und gutmütige Mutter, die ihre Tochter über alles liebt und mit dieser eine unzertrennliche Einheit bildet. Doch das harte Leben als allein erziehende Mutter hat sie krank und zerbrechlich gemacht. Auf den Zuschauer wirkt sie leicht verrückt, was durch ihre zerzausten Haare unterstrichen wird.
 
Arne Gottschling ist Marc, Gerds und Bettines Sohn. Er versteht den ganzen Druck seitens der Eltern nicht, schließlich hat er doch vor Kurzem Abitur gemacht. Jetzt will er einfach nur das Leben genießen, ohne einen genauen Lebensplan zu haben. Er spielt den typischen jungen Mann, der gerne Sport macht und nicht von den neuen Medien loszureißen ist. Am meisten vertraut er seiner Tante, die ihn am besten verstehen kann. In der Rolle des orientierungslosen jungen Mannes hat mich Gottschling überzeugt.
 
Die von vielen anderen Theaterstücken bekannte Angelika Milster (darunter von dem Theaterstück „Doris Day“) übernimmt die Rolle der coolen Tante Katrin, die das totale Gegenstück zu ihrer spießigen Schwester Bettine ist. Sie ist aufgeschlossen und so kommen Marc und seine Freundin zu ihr, wenn sie etwas bedrückt. Eine Rolle, die der Darstellerin auf den Leib geschneidert ist!
 
Lotta Wegner ist die starke Figur Selma, die ihre Mutter abgöttisch liebt und schon früh lernen musste, stark zu sein und alles Schlechte von ihrer Mutter abzuwenden. Neben ihrer kranken Mutter und ihrem Abschluss hat sie zudem noch zwei Jobs.
Ich konnte mich mit dieser Figur sehr gut identifizieren, da ich auch eine starke Bindung zu meiner Mutter habe und viele Menschen oft nicht sehen, dass hinter dieser Stärke aber eine große Zerbrechlichkeit versteckt ist.
 
Das Theaterstück spricht sehr viele gesellschaftskritische Themen an:
° den hohen Leistungsdruck der Eltern, die ihre Wünsche und Erwartungen auf ihre Kinder projizieren.
° die Rebellion der wohlbehüteten Kinder, die am liebsten aus diesem Kokon ausbrechen möchten.
° den Zusammenprall zweier Generationen, die ein unterschiedliches Verständnis von Erfolg haben und die Tatsache, dass die ältere Generation vergessen hat, dass auch sie mal jung war.
° die Probleme zwischen Eheleuten, die sich im Laufe der Zeit entwickeln können.
° das noch immer unterschiedliche Männer- und Frauenbild: Der Mann ist der Großverdiener, der die Familie ernährt, die Mutter kümmert sich um die Erziehung der Kinder und ist für die Harmonie im Haus verantwortlich.
° die starke Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind.
° Schwestern, die sich ständig vergleichen, aber dennoch zusammenhalten, wenn es darauf ankommt.
Allerdings werden diese Themen auf eine unglaubliche humorvolle Art und Weise dargestellt. Zwei Stunden lag konnten die Zuschauer ihr lautes Gelächter nicht unterdrücken.
 
Mein Fazit: Das ganze Theaterstück über habe ich viel gelacht und war froh darüber, dass die Themen, die mich oft beschäftigen, nicht zu moralisierend behandelt wurden. Am Ende kamen mir jedoch Tränen, da „Wunschkinder“ einen trotzdem zum Nachdenken über das eigene Leben anregt. Ich kann jedem das Theaterstück nur empfehlen: eine großartige Geschichte und ein wundervoller Cast, was will man mehr?!
 
Kontakt: Renaissance-Theater
Knesebeckstraße 100
10623 Berlin
030 3159730
 
Vorstellungen: 6. Februar 2017 (16 Uhr) / 14. – 17. Februar 2017 (20 Uhr) /18. Februar 2017 (18 Uhr) / 19. Februar 2017 (18 Uhr) mit anschließendem Publikumsgespräch / 28. Februar – 4. März 2017 (20 Uhr) / 5. März 2017 (18 Uhr) / 6. – 9. März 2017 (20 Uhr)
 
Kartenpreise: 10,- bis 42,- € (So. – Do.) und 12,- bis 48,- € (Fr., Sa.+ Feiertage)
 
Achtung: Azubis zwischen dem 16. und dem 24. Lebensjahr können das Azubi-Ticket erwerben, das ihnen ermöglicht, in dem Theater Stücke für 3 Euro zu besuchen. Auch Studenten kommen nach dem Erwerb der „Studi-Flät“ für 10 Euro in den Genuss von Vergünstigungen. In den darauffolgenden sechs Monaten erhält der/die Student/in an der Abendkasse für alle Vorstellungen im Renaissance-Theater Berlin – nach Maßgabe der vorhandenen Plätze – ein Ticket für nur 1 Euro.
 
Weitere Informationen:
 
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© E. Günther

 

 

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