„My fair lady“ in der Komischen Oper Berlin – ein Klassiker par excellence?

 

Die Sprechübung „Es grünt so grün, wenn Spaniens Gärten blühen“ ist bis heute auf der ganzen Welt bekannt und wird sofort mit dem umjubelten Musical „My fair lady“ in Verbindung gebracht. Und endlich kam Frederick Loewes Erfolgsmusical wieder nach Berlin.
Am Samstag, den 6. Januar 2017, besuchten wir das Musical nach dem Buch von Alan Jay Lerner. Wie vor jeder Aufführung in der Komischen Oper fand eine halbe Stunde zuvor in dem Foyer in der zweiten Etage eine Einführung in das Werk statt. Genauso wie das spätere Musical war auch diese Veranstaltung bis auf den letzten Platz gefüllt. In den 15 Minuten erfuhren wir sehr viele interessante Hintergrundinformationen zum Musical, von denen einige mir bereits aus meinem Profilkurs Englisch in der Schule bekannt waren.
Die literarische Vorlage zum Musical bietet das gesellschaftskritische Werk „Pygmalion“ von George Bernard Shaw, das wiederum auf dem antiken Mythos des Bildhauers Pygmalion, der sich in eine von ihm aus Elfenbein selbst geschnitzte Traumfrau verliebt hat, beruht.
Nach der Informationsaufnahme gingen alle Besucher zu ihren Plätzen und freuten sich umso mehr auf das Musical in zwei Akten. Wir nahmen in der vierten Reihe Platz und hatten einen sehr guten Blick auf das folgende Bühnengeschehen.
Auf der Bühne befand sich ein kleines Grammophon, das im Folgenden ein wichtiges Element der Handlung bilden sollte, doch dazu später mehr.
Zur Handlung dieses musikalischen Evergreens sei Folgendes zu schreiben: Higgins, ein besessener Professor der Phonetik, wettet mit seinem Freund Oberst Pickering, dass er aus dem ungebildeten und vulgären Blumenmädchen Eliza Doolittle eine Dame der Gesellschaft machen kann. Nach sechs Monaten soll sie jeder auf dem Diplomatenball für eine Prinzessin halten.
Andreas Homoki hält sich bei seiner Inszenierung exakt an die literarische Vorlage, nur spricht hier die Arbeiterklasse den Berliner Jargon, der sie von der englischen Upper Class sprachlich abgrenzt.
Ganz besonders freute ich mich im Vorfeld auf die weltbekannten Ohrwürmer des Musicals und wurde dank der musikalischen Leitung von Kristiina Poska und Peter Christian Feigel nicht enttäuscht. Lieder wie „Ich hätt‘ getanzt heut’ Nacht“, „Es grünt so grün“ und “Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht” wurden voller Inbrunst auf der Bühne gesungen und begleiteten mich noch nachts in meinen Träumen.
Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann war zwar ein wenig spartanisch, doch passte es sehr gut zum Musical, da man sich so besser auf die Handlung und die wundervollen Protagonisten konzentrieren konnte. Zwei Vorhänge in Gold und Blau-Gold ermöglichten einen Szenenwechsel auf der Bühne, bei dem uns Grammophone in verschiedener Größe präsentiert wurden. Der Einsatz der vielen Grammophone als Requisiten war hervorragend gewählt, denn schließlich stand hier die Arbeit eines Phonetikers im Vordergrund.
Auch die Kostüme von Mechthild Seipel waren sehr gut ausgewählt, denn sie machten den Gegensatz zwischen der Oberschicht mit ihren Roben und ihren großen Hütten und der
Arbeiterschicht, in der Latzhosen und Schiebermützen getragen wurden, in der Zeit um 1920 deutlich.
Aber das Musical lebte vor allem von seinem exzellenten Cast, der uns alle im Saal verzauberte.
Professor Henry Higgins wird von dem fabelhaften Max Hopp gespielt, der perfekt den sprachbesessenen Professor verkörpert. Für Higgins existieren keine Gefühle, nur die Sprache zählt. So quält er die arme Eliza und vergisst es, sie für ihre sprachlichen Erfolge zu loben. Da sich die Inszenierung an Shaws Vorlage orientiert, beschimpft Higgins manchmal Eliza mit sehr derben Ausdrücken (z.B. „Gassenschlampe“), was im Gegensatz zu seinem Bestreben, ein sprachlich hoch angesehener Mann zu sein, steht.
Higgins ist ein überzeugter Junggeselle, der noch nie eine Frau in sein Herz gelassen hat. So ist seine Frage „Warum kann eine Frau nicht so sein wie ein Mann?” -als Lied vorgetragen – symbolisch für seine Einstellung zu Frauen. Er ist ein Rationalist, der nur seine Liebe zur Sprache zum Ausdruck bringen kann. Doch am Ende stellt auch Higgins selbst fest, dass er doch nicht der gefühlskalte Mann bleiben will, für den immer die anderen gehalten haben.
Katharine Mehrling, die Eliza Doolittle-Darstellerin, hat mich von der ersten Minuten an begeistert. Zuerst sieht der Zuschauer in ihr nur ein Blumenmädchen in Latzhose und Karohemd, das derb spricht und berlinert und keine Manieren zu haben scheint, doch dann erkennt man ihr hartes Leben: Als Tochter eines Alkoholikers muss sie diesen immer finanziell unterstützen. Ihre vulgäre Sprache steht im Gegensatz zu ihrem großen Herz. Sie ist eine freche, aber ehrliche Frau.
Eliza will ihr Leben verbessern und aus sich etwas machen, so will sie für den Unterricht sogar selbst bezahlen, arbeitet sehr hart daran, sich sprachlich besser auszudrücken und lässt die Qualen, die der Sprachunterricht mit sich bringt, über sich ergehen. Auch die sprachlichen Rückschritte während des Pferderennens können sie nicht entmutigen.
Mehrling geht in ihrer Rolle auf und man nimmt ihr die Entwicklung zu einer starken Frau, die sich nun auch artikulieren kann, ab. Auch gesanglich hat sie mich sehr überzeugt.
Oberst Pickering (Christoph Späth) ist der Weiche von den beiden Herren und redet Eliza und dem Professor immer gut zu. Auf ihn kann sich Eliza verlassen, denn er sieht in Eliza nicht nur eine Marionette.
Zu weiteren Darstellern, die das Publikum begeistern konnten, gehörte Jens Larsen, der Darsteller von Elizas Vater, Alfred P. Doolittle. Elizas Vater ist ein Alkoholiker, der sich nichts aus dem Wohl seiner Tochter macht und diese sogar „verkauft“. Er lässt sich von Eliza aushalten und als es ihm finanziell gut geht, hilft er ihr nicht. Obwohl Larsen eine unsympathische Figur spielt, bekommt er neben den Hauptdarstellern den größten Applaus von den Zuschauern, was an seiner gesanglichen und schauspielerischen Leistung lag.
Mrs. Pearce (Christiane Oertel), Higgins‘ Hausdame, ist das gute Herz des Hauses. Trotz ihres strengen Auftretens steht sie der armen Eliza bei. Zu den weiteren Lieblingsfiguren im Musical gehört Mrs. Higgins (Susanne Häusler), die ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Sohn hat und sein dominantes Verhalten nicht nachvollziehen kann. Trotz ihrer anfänglicher Skepsis gegenüber Eliza, kann sich Eliza am Ende voll und ganz auf sie verlassen.
Aber auch die die Leistung von Freddy Eynsford-Hill  (Adrian Strooper), eher einer „Randfigur“ bei „My fair lady“, wird am Ende honoriert. Strooper kann nicht nur besonders gut singen, sondern spielt auch sehr überzeugend den verliebten Dandy.
In dem Musical prahlen zwei Gesellschaften aufeinander, die durch ihre Sprache und ihre Kleidung rigide voneinander abgegrenzt werden. So steht nicht die Liebesgeschichte im Vordergrund, sondern die Kritik an der Herrschaft der Oberschicht, die sich für etwas Besseres hält. Will man in die Oberschicht aufsteigen, so muss man sich verbiegen und seinen Hintergrund verleugnen.
Auch das Wort „fair“ kann auf zwei verschiedene Weisen übersetzt werden. Zum einen bedeutet das Wort „schön“, zum Anderen steht „my fair lady“ auch für „meine Marktfrau“. Doch Eliza bemerkt richtig: Der Unterschied zwischen einem Blumenmädchen und einer Lady liegt nicht in dem Verhalten der beiden Frauen, sondern in dem Benehmen der anderen ihnen gegenüber.
Mein Fazit: Ich war von dem Musical mehr als begeistert, da hier alles zusammenpasst. Die Musik, die Handlung und die Darsteller ergeben ein grandioses Gesamtkunstwerk. Selbst die drei Stunden (mit Pause) wirkten nie zu lange, ein sehr gutes Zeichen! Das ganze Musical über hat das Publikum gelacht und euphorisch applaudiert, was an der Schärfe der Dialoge und an den vielen komischen Szenen im Musical lag.
„My fair lady“ ist ein Klassiker par excellence und muss von jedem Musicalliebhaber besucht werden. An folgenden Tagen könnt Ihr, nein müsst Ihr, dies machen: 13. und 15. Januar 2017, 18. und 28. Februar 2017, 11. und 19. März 2017, 1. und 15. April 2017
Kontakt: Komische Oper Berlin
Behrenstraße 55-57
10117 Berlin
030 47997400
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Text © E. Günther
Fotos © Iko Freese | drama-berlin.de

 

 

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