Cabaret – das bedeutendste Musical der Berliner Geschichte

 

 

Im Jahr 2013 habe ich schon einmal das Musical „Cabaret“ im Tipi am Kanzleramt besucht und war so von der dort dargestellten Geschichte ergriffen, dass meine Schwiegermutter nicht lange zögerte, um mich im Jahr 2016, zum fünfzigjährigen Jubiläum des Musicals, erneut in das Musical einzuladen. Und so waren wir am Samstag, den 13. August 2016, im Tipi am Kanzleramt, das zu meinen Lieblingslokalitäten in Berlin gehört, um von einem Tisch gleich in der ersten Reihe dieses besondere Musical zu erleben.

Die legendäre Inszenierung des amerikanischen Star-Choreographen und Regisseurs Vincent Paterson, die auf dem autobiographischen Episodenroman „Goodbye to Berlin“ von Christopher Isherwood basiert, stellt für mich das kontrastreichste Musical überhaupt dar. Man erlebt nicht nur zwei verschiedene Stimmungen auf der Bühne, sondern wird auch ein Teil der bedeutendsten Geschichte Berlins.

„Life is a Cabaret“
Der MC der Show nimmt uns auf eine Zeitreise ins Berlin Ende der 30er Jahre und zeigt uns den legendären Kit-Kat-Club, in dem alles möglich zu sein scheint und selbst die Grenzen der Geschlechter verwischt werden. Wir erleben eine fröhliche Gesellschaft, die keine Grenzen und keine Sorgen kennt. Tabus wie Homosexualität, Transsexualität, Sado Maso, ungezügelter Sex und Drogen werden hier gebrochen. Hier lebt jeder, wie es ihm gefällt, schließlich hat man auch keine Konsequenzen oder Repressalien zu befürchten.

Zur selben Zeit reist auch Clifford Bradshaw, ein junger amerikanischer Schriftsteller von Paris nach Berlin, um dort endlich seine Schreibblockade zu überwinden. Im Zug lernt er auch den deutschen Ernst Ludwig kennen, der ihm die Pension von Fräulein Schneider und den verruchten Kit-Kat-Club empfehlt. Offenbar schmuggelt Ernst Ludwig etwas nach Berlin, doch die tragische Tragweite dieses Schmuggels wird erst viel später aufgedeckt.

Im Kit-Kat-Club lernt Clifford Sally Bowles, die vulgäre und koksende Sängerin und Tänzerin des Clubs, kennen, deren Stern aber im Club zu sinken scheint. Obwohl beide aus unterschiedlichen Milieus kommen, verlieben sie sich ineinander. Sally Bowles führt den naiven Bradshaw in das Partyleben Berlins ein und lässt ihn das Schreiben vergessen.

Die rührendste Liebesgeschichte des Musicals findet aber nicht wie fast in jedem Film und jedem Musical zwischen zwei jungen Leuten statt, sondern zwischen der älteren Pensionsleiterin Fräulein Schneider und dem Obstladenbesitzer Herr Schultz, der seine Angebetete mit Obst überschüttet. Ihre reine Liebe wird dadurch gekrönt, dass Fräulein Schneider den Heiratsantrag von Herrn Schultz annimmt.

„Die Party ist vorbei.“
Fräulein Schneider und Herr Schultz feiern mit anderen Pensionsbewohnern und dem Kit-Kat-Club-Ensemble ihre Verlobung. Die zunächst ausgelassene Partystimmung wird aber durch den Auftritt Ernst Ludwigs gestört, der eine NSDAP-Uniform trägt. Dem Publikum wird klar: Die Zeit der Nationalsozialisten ist angebrochen und ihr unmenschlicher Aufstieg ist damit unaufhaltsam.
Die Verlobungsfeier wird unterbrochen, weil Ernst Ludwig Fräulein Schneider indirekt droht, ihr den Gewerbeschein zu entziehen, falls sie Herrn Schultz, einen deutschen Juden, heiraten sollte.
Eine dunkle Zeit bricht über Berlin herein, die Party und damit die ausgelassene Stimmung sind zu Ende.

Sophie Berner spielt fantastisch das leichte Mädchen Sally Bowles, das keine Sorgen kennt und ihr Leben einfach in vollen Zügen genießen will. Berners Stimme ist unglaublich voluminös, ihre Mimik sehr ausdrucksstark. Wenn sie mit dem älteren Paar mitleidet und an ihren Beziehungsproblemen mit Clifford zerbricht, dann nimmt man ihr als Zuschauer das alles ab.

Guido Kleineidam verkörpert auf eine sehr überzeugende Weise den etwas naiven und in das Gute im Menschen glaubenden Clifford Bradshaw, der zum Schreiben in das weltoffene Berlin kommt. Im Laufe seines Aufenthalts wird er, bedingt durch die geschichtliche Entwicklung, aber maßlos von der Stadt enttäuscht.

Regina Lemnitz und Peter Kock schaffen es auf Anhieb, mit ihrer herzlichen Darstellung der Fräulein Schneider und des Herrn Schultz und ihrem einzigartigen Charisma sich in die Herzen des Publikums zu spielen. Wir freuen uns für ihre Liebe und leiden mit ihnen, wenn ihre Liebe vor unüberwindbare Hindernisse gestellt wird. Meine Lieblingsszene im Musical findet zwischen den beiden sympathischen Darstellern statt: Herr Schultz bringt Fräulein Schneider eine Ananas mit, über die sich die ältere Dame aufrichtig freut, weil die Frucht zu der damaligen Zeit ein Luxus war.

Michael Kargus, dem MC, haben wir es zu verdanken, dass eine solch erschreckende Geschichte der Stadt Berlin, auch in einem Musical gezeigt werden kann und den Zuschauer nicht erstickt, denn er bricht durch seine ständigen verdorbenen Gesangs- und Tanzperformances das Ganze auf und unterhält den Saal, wenn dieser gerade dabei ist, seine Tränen zu trocknen.

Anja Karmanski bringt den Zuschauer mit ihrer Darstellung der Fräulein Kost, die ständig Matrosen in ihrem Zimmer empfängt und damit Fräulein Schneider an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt, zum Schmunzeln.

Überhaupt sollte man an dieser Stelle das ganze Ensemble und die aus vier Mann bestehende Live-Band loben, die durch ihre schnellen Tanznummern und ihr Entertainment für einen unvergesslichen Abend sorgen! Adam Benzwi hat mit seiner musikalischen Leitung eine sehr gute Arbeit geleistet. Auch ein großes Lob an Momme Röhrbein für die Idee der schnellen Kulissenwechsel, die uns das alte Berlin zeigen.

Mein Fazit: Cabaret ist eine „Musical-Legende“ und ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte. Man sollte daher das Musical unbedingt einmal in seinem Leben besucht haben. 2,5 Stunden lang (mit einer 30-minütigen Pause) wird das Publikum auf höchstem Niveau unterhalten und zum Nachdenken gebracht, ohne einen aufdringlich zu belehren. Schließlich unterschätzte man auch damals eine Partei und dachte, dass sich schon alles von alleine regeln wird. Auch damals haben die Leute weggeschaut, wenn Einrichtungen anderer Religionsgemeinschaften beschädigt wurden. Vor allem die Tatsache, dass die Geschichte in Berlin, am Nollendorfplatz, spielt, lässt einen nicht kalt. Dieses Musical ist so aktuell wie nie zuvor und erinnert uns daran, immer wachsam zu bleiben…Also nicht wie hin! Lasst Euch wunderbar unterhalten! Das Musical läuft noch bis zum 4. September 2016 im Tipi am Kanzleramt!

Weitere Informationen:
http://www.tipi-am-kanzleramt.de/…/cabaret-musical-berlin.h…
https://www.facebook.com/tipiberlin/?fref=ts

Kontakt: Tipi am Kanzleramt
Große Querallee
10557 Berlin
030 39066550

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© E. Günther

 

 

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