Frau Müller muss weg – die Erfolgskomödie im Grips-Theater

Als Lehrerin für die Fächer Deutsch und Französisch saß ich bei einem Elternabend schon auf beiden Seiten des Tisches, sowohl als Schülerin als auch Lehrerin. Ich weiß also ganz genau, wie sich beide Beteiligte auf dem Elternabend fühlen. Es hat sich aber etwas bei der Wahrnehmung des Lehrers durch die Eltern geändert: War der Lehrer früher die absolute Respektperson, deren Entscheidungen die Eltern nie angezweifelt haben, geben heutzutage viele Eltern dem Lehrer die Schuld an den schlechten Noten ihres Sprösslings.

So war es für mich gleich klar, dass ich das Erfolgstheaterstück „Frau Müller muss weg“ von Lutz Hübner (unter Mitarbeit von Sarah Nemitz), das von einem ausgearteten Elternabend handelt, sehen möchte. Am Sonntag, den 15. Mai 2016, war es schließlich soweit und mein Mann und ich waren schon eine halbe Stunde vorher da, um bei der freien Platzwahl zwei gute Plätze zu ergattern.

Um 19.20 Uhr war Einlass und wir nahmen in der zweiten Reihe Platz. Die meisten Darsteller waren schon auf der Bühne und von der ersten Minute an in ihrer Rolle. Das Bühnenbild war auch aufgebaut und zeigte das Klassenzimmer einer Grundschule.

Auf der Bühne waren fünf Personen anwesend: eine blonde Frau, die ruhig in ihrem Buch las und dabei einen Apfel aß; ein gleich zu Beginn impulsiv auftretender Mann, der nicht ruhig sitzen konnte und ständig seine Sitzposition wechselte; ein etwas streng wirkender Mann, der im Klassenraum unruhig umherging und offenbar zu der nervös wirkenden Frau gehörte, und schließlich eine Frau im Hosenanzug, die sich abwechselnd Notizen machte und ungeduldig auf ihrem Handy telefonierte.

Um 19.30 Uhr begann dann das von uns ersehnte Theaterstück und offenbarte schnell die Ausgangssituation: Die anwesenden Eltern der Klasse 6b haben sich versammelt, um gemeinsam der Lehrerin Frau Müller, die noch nicht da war, mitzuteilen, dass sie die Klasse abgeben soll. Dazu haben sie im Vorfeld die Unterschriften der anderen Eltern gesammelt. Laut der Eltern war Frau Müller als Lehrkraft nicht mehr tragbar, da die Klasse viel zu unruhig sei, die Schüler nicht zu Schule kommen wollen und die Noten sich zu sehr verschlechtert hätten. Die Elternschaft wurde dabei von der streng auftretenden Frau am Handy angeführt, dem vermeintlichen Sprachrohr der Eltern.

Der Regisseur Sönke Wortmann zeichnet wundervolle Charaktere, die die unterschiedlichen Elterntypen in unserer heutigen Gesellschaft darstellen: Zum einen ist da der arbeitslose Vater Wolf Heider (René Schubert), der mit seiner Arbeitslosigkeit und Ehe unzufrieden ist und oft cholerisch wird, indem er schon einmal den Stuhl vor Wut umschmeißt. Seine Tochter muss nun unbedingt auf ein Gymnasium kommen und das im Leben erreichen, was ihm verwehrt blieb.

Fritz‘ Mutter, die Museumspädagogin Katja Grabowski (Esther Agricola), kommt zwar zum Eltern-Lehrer-Gespräch, steht aber eigentlich von Anfang an auf der Seite der Lehrerin, der sie sogar einen Blumenstrauß mitbringt. Sie wirkt ruhig und freundlich und verliert nie ihre Fassung. Mit den Noten ihres Kindes ist sie zufrieden.

Zwar sind mit Herrn und Frau Jeskow beide Elternteile anwesend, doch treten sie nicht als eine Einheit auf. Die anfangs unsichere und später cholerisch auftretende Ehefrau Marina Jeskow (Alessa Kordeck) vergöttert ihren Sohn und ist blind für sein Fehlverhalten. Sie gibt der Lehrerin und der neuen Umgebung die Schuld an den schlechten Noten ihres Sohnes. Patrick Jeskow (Roland Wolf), der Ehemann, scheint dagegen nur an den guten Noten seines Sohnes interessiert zu sein, ohne auf die Befindlichkeiten des Kindes einzugehen.

Jessica Höfel (Katja Hiller), eine gut situierte Verwaltungsbeamtin und das Sprachrohr der Eltern, wirkt auf den ersten Blick zwar sehr selbstbewusst, doch macht auch sie sich große Sorgen, dass ihre Tochter nicht auf ein Gymnasium kommt.

Die Grundschullehrerin Frau Müller wird von Regine Seidler gespielt. Als Zuschauer ist man sofort auf ihrer Seite und nimmt es ihr ab, dass sie eine gute Lehrerin ist, die nur an dem Wohl ihrer Schüler interessiert ist. Ich konnte mich sehr gut mit ihr identifizieren. An einigen Stellen kamen mir sogar die Tränen, da ich sehr gut mit ihr fühlen konnte.

Jeder der oben erwähnten Darsteller spielte seine Rolle perfekt und ging förmlich in ihr auf. So gab es am Ende auch keinen Unterschied bei der Stärke des Applauses für die einzelnen Theaterdarsteller, da jeder von ihnen im Stück geglänzt hat. Das Theaterstück bot ca. 1,5 Stunden lang (ohne Pause) sehr viele Lacher, was sowohl Jung als auch Alt zum Toben brachte.

Es werden sehr viele Themen in dem Stück angeschnitten und karikiert: die Helikopter-Eltern, die ihre Kinder heroisieren und die Lehrkraft verteufeln, die Vorbehalte zwischen „Wessis“ und „Ossis“, Eheprobleme etc. Die sich ständig um ihre Kinder sorgenden Eltern, die in ihrem Kind ein Genie zu erkennen glauben, werden herrlich durch den Kakao gezogen. Patrick Wildermann schreibt zutreffend im „Tagesspiegel“: „Wer je einen Elternabend besucht hat, wird vom Schauder des Wiedererkennens ergriffen.“

Wir sind nach dem Theaterstück sehr gut gelaunt nach Hause gegangen und haben sofort meine Schwiegereltern, eine Erzieherin und einen Sozialpädagogen kontaktiert, um ihnen von dem Theaterstück zu erzählen. Mein Ehemann war den ganzen Abend nur am Grinsen und wiederholte, dass er „sich köstlich amüsiert“ habe.

Das Theaterstück ist zurecht so erfolgreich (nominiert für den Friedrich-Luft-Preis) und wir können es jedem nur empfehlen, nicht nur Pädagogen und Eltern. Sowohl die schauspielerische Darstellung als auch die Umsetzung des Regisseurs sind grandios. Es ist eine unglaublich gelungene Parodie auf unsere Gesellschaft und vor allem auf die Helikopter-Eltern.
Also auf keinen Fall verpassen! Falls Ihr es in dieser Spielzeit doch nicht geschafft habt, in der nächsten Spielzeit wird das Theaterstück wieder ins Programm genommen.

Die Karte kostet 20 Euro (für Kinder 12 Euro) bei einer freien Platzwahl und ist jeden Cent wert.

Weitere Informationen zu „Frau Müller muss weg“ findet Ihr hier:
http://www.grips-theater.de/programm/spielplan/termin/1990

Kontakt: Grips-Theater
am Hansaplatz
Altonaer Str. 22
10557 Berlin
030 39747477

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© E. Günther

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