„Der helle Wahnsinn“ im Wintergarten Varieté – eine Show der vielen Emotionen

Darf man solche ernsten Themen wie Homophobie, Rassismus, Auswirkungen der Nazi-Zeit, Schizophrenie und übersteigerte Heroisierung Amerikas in einer Unterhaltungsshow zeigen, in der getanzt, gesungen und gelacht wird? Nein, man muss es sogar – auch mit der Intention, dadurch ein größeres Publikum für diese Themen zu sensibilisieren. Dies alles gelingt der umjubelten Show „Der helle Wahnsinn“ im Wintergarten Varieté, in der nicht mit einem erhobenen Zeigefinger belehrt, sondern aufgeklärt UND unterhalten wird. Doch fangen wir am besten von vorn an.

Am Freitag, den 4. März 2016, besuchten mein Mann und ich Markus Pabsts Show im Wintergarten Varieté und kamen um 18.45 Uhr in das bereits sehr gut gefüllte Foyer, um an der Abendkasse unsere Karten abzuholen. Da wir an diesem Tag beide nach der Arbeit noch nichts gegessen haben, kamen wir etwas früher zum Wintergarten und bestellten mit dem Wunsch, uns an diesem Abend auf ganzer Linie verwöhnen zu lassen, gleich drei Gänge: als Vorspeise ein Rote-Bete-Carpaccio mit Himbeer-Walnuss-Vinaigrette, mit einem Tatar vom gebeizten Lachsfilet und Wildkräutersalat für 13 Euro und als Hauptgang für mich ein Risotto mit gebratenen Pilzen mit gegrillter Spitzpaprika und einem Rucola-Sojajoghurt (14 Euro) und für meinen Mann ein Kalbsschnitzel mit lauwarmem Kartoffel-Feldsalat und Wildpreiselbeeren (18 Euro). Das Dessert wurde auf unseren Wunsch hin in der Pause serviert und war mein kulinarischer Höhepunkt: Schokoladenmousse-Törtchen mit Himbeeren an glasierten Zwergorangen und Chocolate-Chips-Eiscreme (9 Euro).

Um ca. 20.10 Uhr ging schließlich der Vorhang auf und wir befanden uns in einer Szene in einer Irrenanstalt nach dem Zweiten Weltkrieg, in der die Schrecken des Nazi-Regimes noch immer präsent waren.

Es ist der erste Tag für den schrillen Patienten Herbert (Jack Woodhead), der aufgrund seiner Homosexualität in die Anstalt eingewiesen wurde. In dieser Irrenanstalt trifft er auf viele andere Paradiesvögel, die eins verbindet: Aufgrund ihrer Andersartigkeit wurden sie von der Gesellschaft verstoßen und für verrückt erklärt. Die irre Gesellschaft besteht aus folgenden Figuren:
° Herbert, der wegen seiner Homosexualität zwei Jahre im KZ Buchenwald verbringen musste, aber seine Lebensfreude trotzdem nicht verloren hat;
° „Karl, das Messer“ in der Zwangsjacke, der als sehr gefährlich gilt, weil er seine ganze Familie getötet haben soll;
° „die weiße Josephine“, die sich gerne nackt in der Öffentlichkeit bewegt und sich in jeder Lebenssituation artistisch verbiegt;
° der steppende Franz Böhning, der an einem Tourette-Syndrom leidet;
° Maria mit einer ausgeprägten Zwangsneurose, die sie immer glauben lässt, sie falle in ein tiefes Loch im Boden
° der ehemalige Seemann „Hans, die Woge“, ein oft verloren wirkender Autist, der einem immer das Gefühl gibt, gerade in Hamburg zu sein;
° „Sarotti“, der aufgrund seiner Hautfarbe (Vater war ein Afrikaner) und den damit verbundenen Erniedrigungen in der Gesellschaft an Depressionen leidet;
° die schizophrene Sarah, die sich mal für Gott, mal für jemand anders hält;
° der verrückte Helmut, der sich selbst eingewiesen hat
° der zwielichtige Anstaltsleiter Stock
° die auf den ersten Blick streng wirkende Schwester Hildegard, die aber das Herz am rechten Fleck hat;
und der unbestrittene Star der Show: Punka in dem Mädchenkleid, der aufgrund eines Frauenmangels in einem „Zigeuner-Zirkus“ die Rolle einer Frau übernehmen musste. Punka hat als einziger der Revuetruppe den Zweiten Weltkrieg überlebt (während die anderen erschossen wurden), wurde aber durch den Zweiten Weltkrieg so traumatisiert, dass er in sich gekehrt ist, was die Ärzte oft glauben lässt, er sei stumm. Nur als Artist kann er sein Trauma überwinden und zurück zum Leben finden.

Zu meinen Highlights in der Show gehören zwei Artisten: David Pereira (Punka) und Mandi Orozco (die weiße Josephine). Pereira ist ein Gesamtkunstwerk, der in High Heels tanzen, in außergewöhnlichen Positionen Hula Hoop-Reifen kreisen und in der Luft Kunststücke vorführen kann. Er überzeugt mit seinem Talent auf jeder Linie, indem er höchst anspruchsvolle Artistik leicht aussehen lässt. Auch ist zu erwähnen, dass Pereira die Texte für die Show geschrieben hat – also ein echtes Allround-Talent.

Orozco ist eine wundervolle Künstlerin, die in der Luft mit einem weißen Band ein traumhaft schönes Programm präsentiert und auch sonst mit ihrer genauen Darstellung einer leicht verrückten und exzibitionistisch veranlagten Frau den Zuschauer in ihren Bann zieht. Später treten die beiden Ausnahmekünstler gemeinsam in einer perfekten Symbiose aus Sehnsucht und Leidenschaft auf.

Darüber hinaus waren wir von dem komödiantischem und schauspielerischem Talent des Darstellers Collin Eschenburg begeistert. Mit seiner Figur des verrückten Helmuts bringt er das Publikum durchgehend zum Lachen.

Neben den Artisten möchten wir an dieser Stelle auch den Gesang des Jack Woodhead (Herbert), der Ashia Grzesik (Schwester Hildegard) und der Sara Bowden (Somalso), die singt, tanzt und steppt, loben, die mit ihren klaren Stimmen auch in einem Musical auftreten könnten und den Zuschauer in der Show zum Träumen bringen.

Noch nie habe ich in einer einzigen Show so viele Emotionen durchleben müssen. Ich war verträumt, wenn Punka leicht über die Bühne tanzte. Ich war verärgert, als man zeigte, wie Sarotti aufgrund seiner Hautfarbe in seiner Kindheit gehänselt wurde. Ich war erheitert, als der Seemann seine Brustmuskeln tanzen ließ. Ich war ergriffen, als die oben genannten Darsteller ihre wunderschönen und immer zur Show passenden Lieder sangen. Ich war belustigt, als Helmut den Anstaltleiter wieder verrückt machte. Ich war unendlich traurig, als die Darsteller am Ende „Now we are free“ sangen.

Für mich als Germanistin, die es liebt, Stücke zu analysieren und Geschichten mit Gesellschaftskritik favorisiert, war die Show genau das Richtige, da sie sehr viele versteckte Botschaften transportiert: Der zwielichtige Direktor versteckt hinter dem Bild des Sigmund Freud, einem jüdischen Psychologen, das Bild des Judenhassers Adolf Hitler. Alle hoffen darauf, nach Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zu kommen. Am Ende kommt auch endlich Mr. Wonderland (Schon der Name ist Ironie pur.) in die Anstalt, um den talentierten Punka nach Amerika zu holen. Er entscheidet sich aber dann für den Direktor, der sich mehr in den Mittelpunkt drängeln kann.

Sicherlich ist die Show nicht für jedermann konzipiert. Wenn man eine Show erwartet, die einen nur zum Strahlen bringt, dann ist man hier fehl am Platz, denn in der Show wird auch eine (ach was, gleich mehrere) tragisch-komische Geschichte(n) erzählt. Wenn man aber eine Show sehen möchte, bei der man sowohl durch Tanz und Musik unterhalten, aber auch zum Nachdenken über die damalige Zeit und über die Frage, ob sich zu heute wirklich so viel verändert hat, angeregt wird, dann ist man hier genau richtig. Bestimmt werden auch einige ältere Gäste, deren Erinnerungen noch präsent sind, diesen ironischen Umgang mit der Vergangenheit nicht nachvollziehen können. Allen anderen kann ich die Show nur empfehlen.

Kontakt: Wintergarten Varieté
Potsdamer Strasse 96
10785 Berlin
030/588 433
tickets@wintergarten-berlin.de

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© E. Günther

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